7. Hofheimer Frühjahrsopen 2019

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3. Tag des Frühjahrsopens 2019

Alte und neue Favoriten

Das Turnier nimmt Fahrt auf. Ein Drittel der Strecke ist absolviert und so langsam wird sichtbar, wer besonders stark oder besonders gut in Form ist. Ersteres ist im Prinzip von den Wertungszahlen her bekannt, aber nicht jeder starke Spieler ist ja auch jederzeit gut in Form.

Gut in Form ist offenbar GM Vladimir Epishin. Am Spitzenbrett bekommt er es mit dem zweiten von drei Hundertprozentigen, IM Roman Khaetsky, zu tun und bleibt erfolgreich:

7. Hofheimer Frühjahrsopen Weiß hat systematisch darauf gespielt, die schwarzfeldrigen Löcher im schwarzen Steinwall auszunutzen. Er möchte gerne die klassische Konstellation „guter Springer gegen schlechten Läufer“ akzentuieren. 20.cxd5 exd5 Schwarz würde lieber mit dem c-Bauern wiedernehmen, aber 20...cxd5 21.Tc7 Df6 22.Sc5 ist auch nicht besser. 21.Sc5 Auf 21.Dxf5 hat Schwarz noch die Gabel 21...g6, aber Weiß muss den Bf5 nicht sofort nehmen. 21...Se4? Mit dem deckungsbedürftigen Springer den starken weißen Vorposten zu befragen, ergibt Sinn, verliert aber einen Bauern. 21...Td6 oder 21...g6 hielt besser Stand. 22.Sxb7 Dxb7 Der Bc6 muss gedeckt bleiben. 23.Dxf5 Denn auf 23...g6 hat er jetzt das Zwischenschach 24.De6+ 23...Td6

7. Hofheimer Frühjahrsopen Der Computer möchte jetzt mit 24.De5 den weißen Vorteil bewahren und daran arbeiten, ihn in den folgenden Zügen weiter auszubauen. GM Epishin wählt einen anderen Weg: 24.Dxe4!? dxe4 25.Txd6 Die Erfolgsaussichten mit Turm, Läufer und Bauer gegen die schwarze Dame musste Weiß sorgfältig begutachten. Seine Stellung ist stocksolide, aber bietet sie auch genügend Gewinnaussichten? Im Folgenden zeigt der Großmeister, wie es geht: 25...c5 26.Le2 a5 27.Lc4+ Kh8 28.a4 h6 29.g3 Db4 30.h4 Tf8 31.h5 Da3 32.Tcd1 Db2 33.T1d2 De5 34.Td8 Df6 35.Txf8+ Dxf8 36.Td7 De8 37.Tc7

7. Hofheimer Frühjahrsopen Nun scheitert 37...Dxh5? an 38.Tc8+ Kh7 39.Lg8+ Kg6 40.Tc6+ Kg5 41.Txc5+, aber Alternativen helfen auch nicht. 37...g5 38.hxg6 Dxg6 39.Txc5 Db6 40.Te5 Noch ein Bauer geht verloren. Schwarz hat genug gesehen und möchte die Pause bis zur nächsten Runde nicht mit aussichtslosen Versuchen verbringen, die weißen Bauern am Vormarsch zu hindern. 1-0

Der dritte Hundertprozentige, FM Gerd Euler, und Verfolger FM Jonas Hacker spielen eine moderne Schottisch-Variante. Gerd weicht (vielleicht unabsichtlich) vom Buch ab, was Jonas gleich auszunutzen versteht. Der schwarze König rochiert bequem in eine sichere Stellung, während der weiße nicht aus dem Zentrum wegkommt. Jonas behält die Oberhand.


GM Maxim Turow hat lange daran zu arbeiten, seinen Positionsvorteil auszubauen und zu verwerten, denn Manuel Günnigmann wehrt sich zäh, jedoch am Ende vergeblich.

Nach vier Runden führt damit GM Epishin alleine und ohne Punktverlust die Tabelle des A-Opens an, gefolgt von GM Turow und FM Hacker mit je 3,5 Punkten.

Im B-Open spielen die vier Hundertprozentigen an den beiden Spitzenbrettern gegeneinander. Jan Engel und Uwe Björknes trennen sich unentschieden, während Bruna Tuzi sich gegen Martin Launert durchsetzt:

7. Hofheimer Frühjahrsopen 31.Sc5 Dd5 Die Dame gehört ins Zentrum. Auf 32.Sxa6 kann Dd1+ 33.Df1 Dxc2 folgen. 32.h3 a5 33.Kh2

7. Hofheimer Frühjahrsopen 33...Sxg2 Das geht, da der weiße Springer keinen festen Halt hat. 34.Sb3? Hiermit wird Weiß ein reines Springerendspiel erreichen, das wegen der Schwäche des Bf5 und der dann rollenden schwarzen Bauernmasse im Zentrum kritisch steht. Mit 34.Sd3! konnte er stattdessen die Zentralbauern entwerten und die Springer tauschen: 34...Sf4 35.Sxf4 exf4 36.Dxf4 De5 37.Kg3! Auch wenn Weiß einen Bauern verlieren sollte, bekommt er mit Dauerschachdrohungen gutes Gegenspiel. 34...Sf4 35.Db6+ Auf 35.Sxa5 sollte Schwarz zuerst mit Ke8! Damenschachs aus dem Weg gehen, wonach der weiße Bf5 fallen und die Bauernmasse im Zentrum zu rollen beginnen wird. 35...Ke7 36.Dc7+ Kf8 37.Dc5+ Dxc5 38.Sxc5 Ke7 Nach dem Damentausch räumen beide Seiten die schwächsten gegnerischen Bauern ab. 39.a4 bxa4 40.Sxa4 Sd5 41.Sc5 Se3 42.c3 Sxf5 43.Sb7 a4 44.Sc5 a3 45.bxa3 Se3

7. Hofheimer Frühjahrsopen Was ist stärker? Die entfernten Freibauern des Weißen oder das kompakte schwarze Zentrum? Ausrechnen von ein paar Varianten ergibt: Ganz klar die schwarzen Zentralbauern! Die weißen Bauern am Damenflügel kommen nicht weit, zum Beispiel: 46.a4 Sc4! 47.Sb7 f5 48.a5 Kd7 49.a6 Kc7. Der Ba6 wird fallen, während die schwarze Bauernmasse kaum angegriffen werden kann. 46.Kg3 Sd5 47.Kg4 Mit 47.c4 Se3 48.a4 Sxc4 kann Weiß auch nicht lange Widerstand leisten. 47...Sxc3 48.Kh5 f5 49.Kh6 f4 50.Sd3 f3 51.Sf2 e4 52.Sg4 Sd1 53.a4 f2 54.Sxf2 Sxf2 55.a5 Kd6 0-1

Damit steht Bruna Tuzi nach vier Runden auch alleine und ohne Punktverlust an der Tabellenspitze, drei Verfolger haben je 3,5 Punkte.





Im C-Open behält Maximilian Jung gegen Philipp Rößler eine weiße Weste und wird damit auch alleiniger Spitzenreiter.

Die fünfte Runde könnte schon eine Vorentscheidung für den Turniersieg bringen. GM Maxim Turow, der ja in der ersten Runde nicht über ein Unentschieden hinausgekommen war, wird sich gegen den vor ihm liegenden GM Vladimir Epishin doch nicht so leicht mit einem „Tust du mir nichts, tu ich dir auch nichts“-Remis zufrieden geben wollen!?

1.c4 e6 2.d4 Sf6 3.Sc3 d5 4.cxd5 exd5 Also wieder die Abtauschvariante des Damengambits. Sie ist solide und wird in Repertoirebüchern für Weiß empfohlen, aber natürlich haben sich die Schwarzspieler auch darauf eingestellt. 5.Lg5 Le7 6. e3 Le6 Das ist nicht neu, in GM-Kreisen aber selten. Der Läufer kann später mal Angriffen durch f2-f4-f5 oder Se2-f4 ausgesetzt sein. 7.Ld3 Sbd7 8.Sge2 h6 9.Lh4 0-0 10.0-0 Sh5 11.Lxe7 Dxe7 12.b4 f5 Schwarz macht Anstalten, mit f5-f4 aktiv zu werden. 13.b5 Sdf6 Denn 13…f4? 14.Lg6 verliert den vorwitzigen Bauern. Nun geht aber …f4 nicht sofort und Weiß könnte sich weiter dem Damenflügel widmen. Den Computer stört das schwarze Spiel nicht. Er schlägt zum Beispiel 14.a4 Se4 15.a5 vor und sieht Weiß im Vorteil. 14.Sc1?! GM Turow macht sich anscheinend mehr Sorgen ob des schwarzen Spiels und befragt lieber den Sh5. 14…f4 15.Le2

7. Hofheimer Frühjahrsopen 15… Lf7 Der natürliche Zug, der den Sh5 deckt und den Be3 angreift. Nicht natürliche Spieler berechnen hier ein temporäres Figurenopfer: 15…fxe3!? 16.Lxh5 Db4! Erwischt den Sc3 auf dem falschen Fuß. Wenn Weiß nicht sofort die Figur zurückgeben und mit einem Minusbauern verbleiben will, hat er nur 17. Sb1? Sxh5 18. Dxh5 Txf2! 19. Td1 Lf5 und kommt aus dem Schlamassel nicht mehr raus. Er vermeidet es also besser mit 16.fxe3, jedoch behält Schwarz auch dann mit 16...Sg4!? 17.Lxg4 Lxg4 die Initiative. Aber selbst wenn GM Epishin diese Ideen gefunden und weit genug berechnet hat, warum soll er sich (angesichts des Tabellenstands) auf das Risiko einlassen, etwas zu übersehen? 16.Sd3!? fxe3 17.f4 Weiß gibt (zeitweise) einen Bauern, um einen Springer auf e5 zu zementieren. Währenddessen muss sich Schwarz um seinen exponierten Sh5 kümmern. Hier einigen sich die beiden Großmeister auf Remis, ½-½. Die Partie hätte so weitergehen können: 17…Se4 18.Sxe4 dxe4 19. Se5 Sf6 mit Ausgleich (meint wenigstens der Computer), aber beide Spieler scheuen wohl das Risiko, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

Unterdessen muss FM Jonas Hacker gegen IM Ilya Chekletsov eine Niederlage einstecken, IM Roman Khaetsky spielt erneut die Spanische Abtauschvariante und setzt sich damit gegen Philipp Humburg durch, und FM Gerd Euler gewinnt gegen Elijah Everett. Zur Halbzeit führt damit GM Epishin mit 4,5 Punkten vor dem Quartett GM Turow, IM Chekletsov, IM Khaetsky und FM Euler mit je 4 Punkten.

Im B-Open gewinnt Bruna Tuzi ihre fünfte Partie in Folge und festigt damit ihre Position an der Spitze. Ihr Sieg gegen Verfolger Jan Engel ist verdient, verläuft aber nicht ohne Komplikationen:

7. Hofheimer Frühjahrsopen Weiß hat kurz nach der Eröffnung eine Qualität gewonnen und ist nun dabei, ihren Vorteil zu verwerten. Schwarz sucht verzweifelt nach Gegenspiel: 29…Se6 30.g3 Sg5 31.dxc5 Sxh3+ 32.Kg2? Dieser natürliche Zug, der den Springer angreift, wäre besser durch 30.Kf1! zu ersetzen, was die Idee Sh3-f4 entschärft und der weißen Dame das Feld g2 für allfällige Verteidigungsaufgaben freihält. 32…Dg5

7. Hofheimer Frühjahrsopen Was nun? Schwarz droht ein großes Familienschach auf f4. 33.Kxh3? ist nicht gut wegen Dh5+ nebst Dxe2 und 33.Kf1 Dxg3 34.Dxb7+ Kg8! 35.Dg2 Dxg2+ 36.Kxg2 Sf4+ 37.Kf1 Sxe2 38.Kxe2 dxc5 ist nur noch leicht besser für Weiß. Sie muss die Qualität anders zurückgeben: 33.Dxb7+! Tf7 34.De4 Sf4+ 35.Kf1 Sxe2 36.Kxe2 dxc5 37.Td5 Te7 38.Txc5 Dc1

7. Hofheimer Frühjahrsopen 39.Txe5? Tf7? Mit mehr Zeit auf der Uhr hätte Schwarz vielleicht die sich zufällig ergebende Möglichkeit 39…Db2+! 40.Kf1 Dxb5+! 41.Txb5 Txe4 42.Tb7+ Kf6! 43.Txa7 h5 finden können und Weiß hätte sie vielleicht vorhersehen und mit beispielsweise 39.a4 vermeiden können. Denn es wäre gar nicht klar gewesen, ob Weiß dieses Turmendspiel gewinnt. 40.Dd4 Dc2+ 41.Kf1 Kh6 42.a4 Dc1+ 43.Kg2 Dc2 44.Te1 1-0

An Brett 2 gewinnt Jürgen Stock gegen Uwe Björknes, so dass nun Bruna Tuzi mit 5 Punkten vor Jürgen Stock mit 4,5 und vier weiteren Verfolgern mit 4 Punkten führt.



Im C-Open setzt Maximilian Jung seine Siegesserie gegen Ina Biesdorf fort. Er führt jetzt schon einen ganzen Punkt vor Silas Hölß und Christian Bär und ist damit klarer Favorit für den Sieg in dieser Gruppe.
(Arno Zude)